Energieversorgung

Stabilität, Redundanz und Resilienz

Energieversorgung

Energieversorgung für Kritische Infrastrukturen (KRITIS): Herausforderungen und Lösungsansätze

Die Energieversorgung Kritischer Infrastrukturen stellt eine der zentralen Herausforderungen moderner Gesellschaften dar. KRITIS-Einrichtungen – von Krankenhäusern über Rechenzentren bis hin zu Wasserwerken und Kommunikationsnetzen – sind auf eine unterbrechungsfreie Stromversorgung angewiesen. Ein Ausfall kann weitreichende Konsequenzen für die öffentliche Sicherheit, die Wirtschaft und das tägliche Leben haben.

Definition und Bedeutung von KRITIS

Unter Kritischen Infrastrukturen versteht man Organisationen und Einrichtungen mit wichtiger Bedeutung für das staatliche Gemeinwesen, bei deren Ausfall oder Beeinträchtigung nachhaltig wirkende Versorgungsengpässe, erhebliche Störungen der öffentlichen Sicherheit oder andere dramatische Folgen eintreten würden. In Deutschland umfasst dies neun Sektoren: Energie, Informationstechnik und Telekommunikation, Transport und Verkehr, Gesundheit, Wasser, Ernährung, Finanz- und Versicherungswesen, Staat und Verwaltung sowie Medien und Kultur.

Die Energieversorgung nimmt dabei eine Sonderstellung ein, da sie selbst eine kritische Infrastruktur darstellt und gleichzeitig die Grundlage für das Funktionieren aller anderen KRITIS-Sektoren bildet. Diese gegenseitige Abhängigkeit macht die Resilienz der Energieversorgung zu einem Thema von höchster Priorität.

Besondere Anforderungen an die KRITIS-Energieversorgung

KRITIS-Einrichtungen stellen spezifische Anforderungen an ihre Energieversorgung, die über die normaler Verbraucher hinausgehen:

Verfügbarkeit und Redundanz: Die Stromversorgung muss nahezu zu 100 Prozent verfügbar sein. Dies erfordert mehrfach redundante Systeme, die bei Ausfall der Hauptversorgung sofort einspringen können. Unterbrechungsfreie Stromversorgungen (USV) überbrücken die kritischen Millisekunden bis Sekunden, bis Notstromaggregate anlaufen.

Autonomie: KRITIS-Einrichtungen müssen im Krisenfall autark operieren können. Die Bundesanstalt für Technisches Hilfswerk (THW) empfiehlt eine Notstromversorgung für mindestens 72 Stunden, in vielen Fällen werden längere Zeiträume angestrebt.

Qualität der Stromversorgung: Viele KRITIS-Systeme, insbesondere im IT- und Gesundheitsbereich, reagieren empfindlich auf Spannungsschwankungen, Frequenzabweichungen oder Oberwellen. Eine hochwertige Stromkonditionierung ist daher unerlässlich.

Sicherheit und Schutz: Die Energieversorgungssysteme müssen gegen physische Angriffe, Cyberangriffe und Sabotage geschützt sein. Dies umfasst sowohl bauliche Maßnahmen als auch IT-Sicherheitskonzepte.

Klassische Konzepte der Notstromversorgung

Traditionell basiert die Notstromversorgung von KRITIS-Einrichtungen auf einem mehrstufigen Konzept:

Primäre Versorgung: Die Hauptstromversorgung erfolgt über das öffentliche Netz, idealerweise über mindestens zwei unabhängige Einspeisepunkte aus verschiedenen Netzsträngen.

USV-Systeme: Unterbrechungsfreie Stromversorgungen auf Basis von Batterien oder Schwungmassen überbrücken kurzzeitige Ausfälle und Umschaltzeiten. Moderne USV-Anlagen bieten Überbrückungszeiten von 10 bis 30 Minuten und konditionieren gleichzeitig die Stromqualität.

Netzersatzanlagen: Dieselgeneratoren bilden das Rückgrat der Notstromversorgung. Sie können über Stunden bis Tage hinweg die komplette Stromversorgung übernehmen. Kritische Einrichtungen verfügen häufig über mehrere Aggregate in redundanter Auslegung.

Treibstoffbevorratung: Die Autonomie wird durch entsprechende Dieselvorräte sichergestellt. Größere Einrichtungen verfügen über eigene Tankstellen und Lagerkapazitäten für mehrere Wochen.

Neue Herausforderungen durch die Energiewende

Die Transformation des Energiesystems hin zu erneuerbaren Energien bringt neue Herausforderungen für die Versorgungssicherheit von KRITIS-Einrichtungen mit sich:

Volatilität der Erzeugung: Wind- und Solarenergie unterliegen natürlichen Schwankungen. Dies kann zu häufigeren Netzschwankungen und im Extremfall zu regionalen Versorgungsengpässen führen.

Dezentralisierung: Die zunehmend dezentrale Struktur der Energieversorgung macht das Netz komplexer und schwerer steuerbar. Gleichzeitig bietet sie aber auch Chancen für lokale Versorgungskonzepte.

Wegfall konventioneller Kraftwerke: Der Rückbau von Kohle- und Kernkraftwerken reduziert die stabilisierende Rotationsmasse im Netz, was die Frequenzstabilität beeinträchtigen kann.

Cyberbedrohungen: Die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung der Energiesysteme schafft neue Angriffsflächen für Cyberangriffe, wie die Attacken auf ukrainische Stromnetze oder der Colonial-Pipeline-Vorfall gezeigt haben.

Innovative Lösungsansätze und aktuelle Entwicklungen

Als Reaktion auf diese Herausforderungen entwickeln sich neue Konzepte für die Energieversorgung Kritischer Infrastrukturen:

Mikronetze und Inselnetzbetrieb: KRITIS-Einrichtungen setzen zunehmend auf die Fähigkeit, sich bei Bedarf vom öffentlichen Netz zu trennen und als autonomes Mikronetz weiterzubetreiben. Solche Systeme integrieren lokale erneuerbare Erzeugung, Speicher und steuerbare Lasten zu einem intelligenten Verbund.

Hybride Energiesysteme: Moderne Konzepte kombinieren verschiedene Energiequellen. Neben Dieselgeneratoren kommen Photovoltaikanlagen, Blockheizkraftwerke, Brennstoffzellen und zunehmend auch Batteriespeicher zum Einsatz. Diese Diversifizierung erhöht die Resilienz und Nachhaltigkeit.

Grüner Wasserstoff: Wasserstofftechnologie gewinnt als langfristige Speicherlösung und emissionsfreie Notstromoption an Bedeutung. Mehrere Pilotprojekte erproben den Einsatz von Brennstoffzellen für die Notstromversorgung kritischer Einrichtungen.

Intelligente Energiemanagementsysteme: KI-gestützte Systeme optimieren den Energieverbrauch, prognostizieren Bedarfe und koordinieren den Einsatz verschiedener Energiequellen. Sie ermöglichen eine effizientere Nutzung vorhandener Ressourcen und verbessern die Versorgungssicherheit.

Sektorenkopplung: Die Verknüpfung von Strom-, Wärme- und Mobilitätssektor eröffnet neue Flexibilitätsoptionen. Elektrofahrzeuge können beispielsweise als mobile Speicher (Vehicle-to-Grid) fungieren und im Notfall KRITIS-Einrichtungen unterstützen.

Regulatorischer Rahmen und Standards

Die Gesetzgebung hat auf die wachsende Bedeutung der KRITIS-Sicherheit reagiert. Das IT-Sicherheitsgesetz 2.0 und die KRITIS-Verordnung verpflichten Betreiber zu umfassenden Sicherheitsmaßnahmen. Die DIN VDE 0100-710 definiert Anforderungen an elektrische Anlagen in medizinisch genutzten Bereichen, während die DIN VDE 0108-100 Anforderungen an Sicherheitsstromversorgungen stellt.

Auf europäischer Ebene setzen die NIS2-Richtlinie (Network and Information Security) und die Critical Entities Resilience Directive neue Maßstäbe für die Resilienz kritischer Einrichtungen. Diese Regelwerke fordern regelmäßige Risikoanalysen, Notfallpläne und die Implementierung von Sicherheitsmanagementsystemen.

Praktische Umsetzung und Best Practices

Erfolgreiche KRITIS-Energieversorgungskonzepte zeichnen sich durch mehrere Merkmale aus:

Ganzheitliche Planung: Die Energieversorgung muss von Anfang an als integrales Gesamtsystem betrachtet werden, nicht als Addition einzelner Komponenten. Dies umfasst auch die Abstimmung mit anderen Versorgungssystemen wie Kühlung und Notwasserversorgung.

Regelmäßige Tests: Notstromsysteme müssen regelmäßig unter realistischen Bedingungen getestet werden. Vollständige Blackout-Tests, bei denen die komplette Einrichtung auf Notstrom umgeschaltet wird, decken potenzielle Schwachstellen auf.

Schulung des Personals: Die beste Technik nützt wenig, wenn das Personal im Ernstfall nicht richtig reagiert. Regelmäßige Schulungen und Notfallübungen sind unerlässlich.

Wartung und Instandhaltung: Präventive Wartung verlängert die Lebensdauer der Systeme und verhindert Ausfälle. Viele KRITIS-Einrichtungen arbeiten mit spezialisierten Dienstleistern zusammen, die 24/7-Support garantieren.

Dokumentation: Eine vollständige und aktuelle Dokumentation aller Systeme, Schaltpläne und Prozeduren ist im Notfall entscheidend, insbesondere wenn externe Unterstützung hinzugezogen werden muss.

Zukunftsperspektiven

Die Energieversorgung Kritischer Infrastrukturen steht vor einem Paradigmenwechsel. Die reine Fokussierung auf Dieselgeneratoren wird zunehmend durch intelligente, multimodale Systeme ersetzt, die Versorgungssicherheit mit Nachhaltigkeit verbinden.

Künftige Entwicklungen werden voraussichtlich folgende Aspekte umfassen:

  • Verstärkte Integration erneuerbarer Energien in Notstromkonzepte
  • Weiterentwicklung von Speichertechnologien mit höheren Kapazitäten und längeren Standzeiten
  • Nutzung von Künstlicher Intelligenz für prädiktive Wartung und Energieoptimierung
  • Aufbau regionaler Resilienznetze, in denen mehrere KRITIS-Einrichtungen sich gegenseitig unterstützen
  • Standardisierung und Interoperabilität von Energiemanagementsystemen

Geopolitische Krisen haben das Bewusstsein für die Verletzlichkeit Kritischer Infrastrukturen geschärft. Investitionen in resiliente Energieversorgungssysteme sind keine Option, sondern eine Notwendigkeit für die Aufrechterhaltung grundlegender gesellschaftlicher Funktionen.

Fazit

Die Energieversorgung Kritischer Infrastrukturen befindet sich im Spannungsfeld zwischen bewährten Technologien, neuen Herausforderungen durch die Energiewende und innovativen Lösungsansätzen. Während klassische Notstromaggregate weiterhin eine wichtige Rolle spielen, gewinnen hybride Systeme, Speichertechnologien und intelligente Steuerungssysteme zunehmend an Bedeutung.

Die Transformation zu einem nachhaltigen, resilienten Energiesystem für KRITIS-Einrichtungen erfordert erhebliche Investitionen, politischen Willen und technologische Innovation. Gleichzeitig bietet sie die Chance, Versorgungssicherheit und Klimaschutz zu verbinden und eine zukunftsfähige Infrastruktur zu schaffen, die auch kommenden Generationen dient.


Quellenangaben

  1. Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) – KRITIS-Übersicht
    https://www.bsi.bund.de/DE/Themen/Regulierte-Wirtschaft/Kritische-Infrastrukturen/kritis_node.html
  2. Bundesministerium des Innern und für Heimat – Nationale Strategie zum Schutz Kritischer Infrastrukturen
    https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/themen/bevoelkerungsschutz/BMI09324-kritis-strategie.html
  3. VDE – Technische Regeln für Sicherheitsstromversorgung
    https://www.vde.com/resource/blob/937830/63a7f3625b202ae582f66ef0adbdc525/vdn–notstromaggregate—richtlinie-fuer-planung–errichtung-und-betrieb-von-anlagen-mit-notstromaggregaten-data.pdf
  4. Energiewirtschaft & Infrastruktur – Fachartikel Notstromversorgung KRITIS
    https://www.bbk.bund.de/DE/Themen/Kritische-Infrastrukturen/Sektoren-Branchen/Energie/energie_node.html

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